

Weihnachtsspecial
Der letzte Weihnachtsbummel
ERZÄHLER
Der Weihnachtsmarkt lag zwischen den Häusern wie etwas, das eigentlich schon hätte verschwinden sollen, sich aber weigerte. Die Lichterketten hingen schwer und tief, manche flackerten, manche brannten zu hell, als wollten sie noch schnell alles geben, bevor der Abend endgültig vorbei war. Der Schnee war festgetreten, grau an den Rändern, glitzernd dort, wo ihn noch niemand berührt hatte. Es roch nach Rauch, nach Zucker, nach Zimt, nach Alkohol – nach all den Dingen, die man sich nur einmal im Jahr erlaubt, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.
Vela und Flare standen am Rand des Platzes. Nicht ganz drin, aber auch noch nicht draußen. Genau an dieser Schwelle, an der man entweder umdreht oder sich hineinziehen lässt.
VELA
Ich sage es dir jetzt gleich, Flare.
Wir gehen da rein, wir holen das, was wir brauchen, und dann gehen wir wieder.
Nicht schlendern. Nicht schauen. Nicht stehen bleiben.
Ich habe heute wirklich keine Energie mehr für deinen letzten Weihnachtsbummel.
FLARE
Ja mei, Vela…
des sagst jedes Jahr. Wirklich jedes Jahr. Und jedes Jahr steh ma dann trotzdem genau do, wo ma jetzt stehn, und diskutieren drüber, ob ma rein gehn oder ned.
Und jedes Jahr denk i ma: Gott sei Dank geh ma rein, weil sonst war’s des wieder gwesn mit Weihnachten.
VELA
Weihnachten ist nicht davon abhängig, ob du noch drei Becher Grok trinkst.
FLARE
Des san koane drei.
Des san maximal…
(zählt an den Fingern, verliert den Faden)
…a überschaubare Anzahl.
Und überhaupt: Des is koa Trinken. Des is Wärme. Innere Wärme. Seelische Wärme. Fußwärme.
Und ganz ehrlich, mei Gleichgewichtssinn braucht aa a bissl Schmierung.
ERZÄHLER
Noch bevor Vela antworten konnte, war Flare bereits losgegangen. Nicht zielgerichtet, sondern in diesem typischen Bogen, den Menschen laufen, die sich treiben lassen. Sie blieb nach wenigen Metern stehen, drehte sich langsam im Kreis und sog die Luft ein.
FLARE
Schau’s dir o, Vela.
Die Buden. Die Lichter. Die Leut.
Da links der Stand, wo’s immer z’heiße Würscht gibt. Da rechts der, wo der Typ seit zwanzig Jahr die gleiche Mützn aufhat.
Des is Tradition.
Wenn des weg is, dann is ois weg.
VELA
Wir wollten eigentlich nur noch Mehl holen.
FLARE
Ja genau.
Und zufällig liegt der Mehlbedarf genau zwischen Glühweinstand Nummer eins und Grokstand Nummer drei.
Des is Schicksal. Des kannst ned ignorieren.
ERZÄHLER
Sie gingen tiefer hinein. Stimmen mischten sich, Gelächter, Musik aus einem alten Lautsprecher, der den Takt nicht ganz traf. Flare blieb beim ersten Getränkestand stehen.
FLARE
So.
Des is jetzt nur zum Ankommen.
Zum Aufwärmen.
Zum Eingewöhnen.
Des zählt no gar ned.
VELA
Flare, du hast noch nicht einmal den ersten Schluck genommen.
FLARE
Ja, aber innerlich bin i scho dabei.
ERZÄHLER
Der Becher wechselte die Hand. Dampf stieg auf.
FLARE
(prüfend)
Hm.
Ja.
Der is guad.
Der is richtig guad.
Des is so a Grok, wo ma glei merkt: Uh, des wird a Abend.
VELA
Wir wollten eigentlich—
FLARE
Ja, ja, i woaß.
Aber jetzt wart amoi.
Da drübn is no a Stand.
Nur zum Vergleichen.
Ma muss ja wissen, wo ma steht im Leben.
ERZÄHLER
Der zweite Stand. Dann der dritte. Flare wurde mit jedem Becher langsamer, ihre Worte länger, ihre Gesten ausladender.
FLARE
Also pass auf, Vela.
Des is jetzt wichtig.
I erklär dir des ganz genau.
Wenn i da steh und trink, dann geht’s ned drum, dass i mi betrink.
Des geht drum, dass i mi erinner.
An früher.
An Abende, wo ma no ned so müde war.
Wo ma no glaubt hat, dass Weihnachten ewig dauert und ned bloß a paar Stunden.
VELA
Du lallst.
FLARE
Naa.
I dehn bloß die Zeit.
ERZÄHLER
Auf dem Weg Richtung Ausgang wurde Flare merklich unsicherer. Sie hielt sich an Vela fest, blieb stehen, schaute auf den Boden.
FLARE
Sag amoi…
war der Weg vorher aa scho so schief?
VELA
Nein.
FLARE
Doch.
Ganz sicher.
Der Schnee…
der bewegt si.
VELA
Flare, wir gehen jetzt heim.
FLARE
Ja, ja…
gleich…
aber jetzt wart…
(hält inne, schaut nach oben)
…Vela.
VELA
Wenn du mir jetzt sagst, du siehst etwas—
FLARE
Gold.
I seh Gold.
ERZÄHLER
Etwas fiel vom Himmel. Kein Sturz, eher ein langsames Herabkommen. Ein goldener Ball, warm leuchtend, landete im Schnee.
FLARE
(hochkonzentriert, aber betrunken)
Siehst.
Da war doch was.
Hab i doch g’sagt.
Des hab i g’spürt.
Im Bauch.
Oder im Knie.
Eins von beidem.
VELA
Flare… das ist wirklich da.
FLARE
Ja mei.
Dann war i halt ned nur bsoffn, sondern hellsichtig aa no.
ERZÄHLER
Eine Stimme hinter ihnen.
AUSHILFS-WEIHNACHTSMANN
Ähm… entschuldigen Sie bitte…
ERZÄHLER
Der Mann trug Rot. Der Bart saß schief. Die Mütze wirkte neu.
FLARE
(ernst, mustert ihn)
Du…
du bist…
Moment.
Du bist doch ned echt.
AUSHILFS-WEIHNACHTSMANN
Der echte ist krank.
Ich springe ein.
Fachkräftemangel.
Ich habe nur ein Briefing bekommen.
FLARE
Fachkräfte…
Mangel…
Ja des glaub i sofort.
Aber sag amoi…
wos is denn a Brieffink?
AUSHILFS-WEIHNACHTSMANN
Ein… Briefing.
FLARE
Aha.
Und is des a Vogel?
Oder eher so a Amt?
VELA
(zieht Flare am Arm)
Es tut mir leid. Sie hat—
FLARE
I hab nix!
I stell bloß wichtige Fragen!
Wenn ma scho Weihnachtsmann is, dann soll ma des aa gscheid machen!
ERZÄHLER
Der Weihnachtsmann folgte Flare und Vela bis zum Hof. Am Hof war es warm. Der Kamin brannte. Kekse standen bereit.
FLARE
(sackt auf den Stuhl)
So.
Des is jetzt richtig.
Des is des Ende vom Weg.
VELA
Frohe Weihnachten, Flare.
FLARE
Frohe Weihnachten, Vela.
Und nächsts Jahr…
(trinkt Wasser)
…geh ma wieder nur kurz.
ERZÄHLER
Draußen verlöschte das letzte Licht des Marktes.
Drinnen war es warm.
ENDE